Deutsche Energiewende ist ein «Desaster»

Deutsche Energiewende ist ein «Desaster»
12. April 2017 Energieinfo

Der frühere SPD-Umweltpolitiker und Energiemanager Fritz Vahrenholt über die deutsche Energiepolitik und die Schweiz, die nicht dasselbe tun sollte.

Genehmigter Nachdruck des gekürzten Interviews von Dominik Feusi, BAZ vom 18.02.2017 BaZ:

Sie haben die deutsche Energiewende als «Desaster» bezeichnet. Wieso?

Fritz Vahrenholt: Zunächst einmal hat die deutsche Regierung nach dem Tsunami in Japan innerhalb eines Wochenendes entschieden, auf die Kernenergie zu verzichten, die bis dahin die Grundlast für die deutsche Industrie erzeugt hat. Die Regierung will seither diese gesicherte Energie durch schwankenden Strom aus Sonne und Wind ersetzen. Dass das nicht vernünftig ist, weiss eigentlich jeder.

Ich nicht. Erklären Sie es mir.

Wir haben 50 bis 100 Tage und manchmal ganze Wochen im Jahr mit Windstille und wenig Sonne. Dann produzieren diese weniger als zehn Prozent des Bedarfes. Und wenn der Wind bläst und die Sonne scheint, ist zu viel Strom im Netz, und da die Speicherkapazitäten fehlen, schalten wir Windkraftwerke ab. Wir haben ein sich zuspitzendes Problem – entweder zu viel oder zu wenig Strom.

Beginnen wir ganz vorne: Kernenergie hat doch keine Zukunft.

So hat es die Politik entschieden, obwohl es keine ernsthaften Beanstandungen und Befürchtungen hinsichtlich der deutschen Kernkraftwerke gab.

In der Schweiz ist vorgesehen, dass die Kernkraftwerke weiterlaufen, solange es die Sicherheit erlaubt.

Das ist klug. Damit gewinnen Sie Zeit, Zeit, bis sich vielleicht kostengünstige Speichertechnologien ergeben.

Und der strahlende Abfall?

Die Endlagerthematik ist völlig unabhängig davon zu lösen, ob die Kraftwerke 30, 40 oder 50 Jahre laufen. Nach Fukushima haben nur die Schweiz und Deutschland eine Energiewende beschlossen. Sogar in Japan setzt man wieder auf Kernkraft und Kohle. 2022 wird das letzte deutsche Kernkraftwerk abgestellt und es gibt dann keine gesicherte Versorgung mehr im Süden Deutschlands. Wir hängen zunehmend von den Naturkräften ab, wenn wir dann auch noch auf Kohle- und Gaskraftwerke verzichten wollen.

Es braucht einfach genügend Solar und Windkraftwerke.

Nein, selbst wenn wir die Windkapazität verdreifachen, bleibt bei Flaute die Erzeugung nahe null. Für die Sonne gilt Ähnliches, insbesondere nachts. Windkraftanlagen erzeugen nur so viel Strom, als würden sie gerade einmal 90 Tage im Jahr mit voller Leistung laufen. Bei Fotovoltaik sind es 35 Volllasttage. Daraus erkennt man schon, dass es ohne Speicherung nicht gelingen kann, eine sichere Versorgung zu gewährleisten.

Warum ist das so wichtig?

Sie müssen sich immer vor Augen halten, was das bestehende System leistet. Immer wenn irgendwo ein Bedarf an Strom entsteht, muss in der gleichen Sekunde dieser Strom geliefert werden. Wenn an einem Winterabend die Flutlichtanlage des FC Basel angedreht wird, muss der zusätzliche Bedarf innert Sekunden bereitgestellt werden. Mit Sonnen- oder Windenergie können sie die Produktion nicht hochfahren.

Die Überschussproduktion gefährdet unsere Wasserkraft.

Wir haben in Deutschland 50 000 Megawatt Windkraft. Wenn alle produzieren, müssen sie zuerst Kohle- und Gaskraftwerke, dann aber auch noch Windkraftwerke selber abstellen, sonst droht ein Kollaps. Wenn das nicht reicht, schütten wir den Strom über die Grenze und zerstören damit die Energieversorgung unserer Nachbarländer. Diese Nachbarn müssen uns umgekehrt mit Strom aushelfen, wenn es keinen Wind gibt. Die Polen lassen sich das nun nicht mehr gefallen und haben an der Grenze Phasenschieber montiert, damit der deutsche Überschussstrom nicht mehr nach Polen kann. Die Tschechen werden das nachmachen.

Könnte das die Schweiz auch tun?

Ich kann mir vorstellen, dass diese Debatte in der Schweiz auch irgendwann beginnt und man sich fragt: «Müssen wir eigentlich die übermütige und nicht durchgerechnete Energiepolitik Deutschlands ausbaden?» Vermutlich gibt es Leute in der Schweiz, die diese Frage mit Nein beantworten würden. Da habe ich Verständnis dafür.

Welche Gefahren gehen von Windrädern aus?

Ich habe ja selber ein Windkraftunternehmen im Jahre 2000 gegründet und gross gemacht und kenne die Technologie sehr gut. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu glauben, dass man derart schwankende Energie dazu verwenden könnte, ein Bahnnetz zu betreiben. Das müssen wir alle lernen. Windenergie bringt nicht nur Wohltaten. In Deutschland ist durchschnittlich alle 2,7 Kilometer ein Windkraftwerk geplant, obwohl wir schon heute wissen, dass Greifvögel, Fledermäuse und andere gefährdete Arten deswegen verschwinden werden. Der Rotmilan ist gefährdet. Die 26 wichtigsten Singvogelarten sind auf dem Rückzug. Die Auswirkungen auf die Lebensräume von Pflanzen und Tieren sind enorm. Wenn ein Kernkraftwerk so viel Natur zerstört hätte, wie es die Windenergie macht, wäre es schon längst stillgelegt worden.

Warum sagen das die Naturschutzorganisationen nicht?

Der tiefere Kern ist folgender: Die politischen Grünen haben sich die Energiewende zum Programm gemacht, koste es, was es wolle. Sie waren in Wirklichkeit in Deutschland nie eine Naturschutzpartei, sondern eine antikapitalistische Partei, die sich gegen die Kernkraft und Industrie engagiert. Deswegen haben sie auch kein Herzblut, wenn es um Flora und Fauna geht. Es gibt natürlich Naturschutzorganisationen, die auf dieser grünen Parteilinie sind und andere, die tatsächlich Naturschutz machen. Ersteren ist die Energiewende wichtiger als der Schutz der Natur.

Aber es gibt Widerstand gegen Windräder.

Ja. Auf dem Land gibt es ein enormes, sehr bürgerliches Protestpotenzial. Das erinnert mich ironischerweise sehr an den Anfang der Anti-Kernenergie- Bewegung. Es ist heute so: Der Traum der städtischen Elite von einer angeblich sauberen Energieversorgung wird auf dem Rücken der ländlichen Bevölkerung ausgetragen, die ihre Heimat verliert.

Wer gewinnt und wer verliert eigentlich finanziell?

Jene, die Subventionen für ein Solardach erhalten oder sich an Windkraftfonds beteiligen, gehören in der Regel nicht zur Unterschicht. Die Arbeitnehmer, die Sozialhilfeempfänger, die Mieter in Mehrfamilienhäusern, das sind diejenigen, die zur Kasse gebeten werden und die die auf zwanzig Jahre staatlich garantierten Renditen der Wohlhabenden ermöglichen.

Sie sehen zwei Möglichkeiten der weiteren Entwicklung: durchwursteln oder korrigieren.

Man wird irgendwann korrigieren müssen, spätestens nach den ersten Netzzusammenbrüchen. Je länger es dauert, umso grösser werden die Schwierigkeiten. Wenn wir in zehn Jahren eine fantastische Batterie haben, die fünf Eurocent pro Kilowattstunde kostet, dann wird sich die Sache vielleicht einrenken. Das ist aber Politik nach dem Prinzip Hoffnung. Ich würde darauf keine Wette eingehen und schon gar nicht als Politiker eine Nation darauf verpflichten.

1 Kommentar

  1. Stephan Amacker 5 Monaten vor

    Hier spricht ein bekehrter Realist, der erst noch etwas von der Energietechnik versteht. Kein Wunder, dass er uns vor der verfehlten Energiepolitik in der Schweiz warnt.

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